Der Pazifist

Jg.XIV, Nr.163 vom 31. Juli 2001

 

Jubilee 2000-Pflugscharpaar verurteilt

Susan van der Hijden (32) und der katholische Priester Martin Newell (33), die im November letzten Jahres einen Trident-Nuklearwaffenkonvoi auf der Luftwaffenbasis Wittering/England gewaltfrei abgerüstet hatten (siehe dp Nr. 154), wurden am Freitag, den 25. Mai 2001, von einer Geschworenenjury in zwei Fällen der kriminellen Zerstörung schuldig befunden und zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Da sie schon sechs Monate Untersuchungshaft hinter sich haben, wurden beide unter Bewährungsauflagen freigelassen. Der Schuldspruch wurde genau an dem Tag ausgesprochen, an dem die Vollversammlung der presbyterianischen Kirche von Schottland nicht nur ihre unnachgiebige Opposition gegenüber dem nuklearen Trident-U-Boot-System bekräftigte, sondern auch den zivilen Widerstand dagegen ermutigte.

Der fünftägige Prozeß gegen das Pflugscharpaar fand im südenglischen Chelmsford statt. Unterstützerinnen und Unterstützer aus vielen Ländern hatten sich eingefunden, um dem Prozeß beizuwohnen. Sie hielten während der gesamten Dauer der Verhandlung eine Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude ab, verteilten Flugblätter und diskutierten mit den Passanten.

Richter Alistair Darrow erlaubte den Angeklagten nicht, Experten zur Darstellung von Natur und Auswirkungen der Nuklearwaffen einzubringen, da die Geschworenen bei diesem Thema ihren gesunden Menschenverstand benutzen könnten. So blieb es Susan und Martin überlassen, in ihren Aussagen auf Gefährlichkeit, und Unmoral des Trident-Systems hinzuweisen. Susan van der Hijden, die Mitglied der Catholic Worker-Gemeinschaft in Amsterdam ist und dort mit illegalisierten Flüchtlingen zusammenlebt, sagte, daß sie mit diesem Lebensstil versucht habe, die Bergpredigt in die Tat umzusetzen. Sie habe gemerkt, daß es genauso wichtig ist, die Gründe die die Wurzeln von Ungerechtigkeit und Armut bilden - darunter Nuklearwaffen - anzugehen. Sie habe den nuklearen Kreislauf im Detail studiert, vom Abbau des notwendigen Urans bis zur Produktion des endgültigen Waffensystems. So wurde sie sich der großen Anzahl von Menschen bewußt, die als Resultat dieses Prozesses gesundheitlich gelitten haben oder sogar gestorben sind.

Martins Verteidiger Terry Munyard legte den Geschworenen dar, daß Martin aus Prinzip gehandelt und in seinen Absichten nichts Kriminelles gelegen habe. Die Geschichte sei voll von Beispielen von Menschen, die dadurch wichtige Veränderungen bewirkt haben, daß sie so handelten, wie sie es für richtig hielten und so technisch gesehen das Gesetz brachen - die Suffragetten, Anti-Apartheid-Aktivisten oder Rosa Parks, die den Rassentrennungsgesetzen von Alabama widerstanden hatte.

Richter Darrow teilte der Jury am Ende der Verhandlungen mit, es seien drei mögliche Rechtfertigungen für die Tat der zwei Angeklagten denkbar: die Rechtfertigung durch Unvermeidbarkeit, das Begehen eines Verbrechens zur Verhinderung eines größeren sowie das Begehen eines Verbrechens zum Schutz von Eigentum. Keiner dieser drei Gründe, so behauptete er, treffe in diesem Fall zu. Er gab der Jury dann knapp zwei Stunden bis zum Ende des Sitzungstages Zeit, eine Entscheidung zu fällen, aber der Prozeß mußte am nächsten Tag noch einmal fortgesetzt werden, da die Geschworenen nicht so schnell zu einer Einigung kamen.

Nach dem Schuldspruch meinte ein Vertreter der Gruppe Trident 2000: "Es ist schade, daß die Jury falsch geurteilt hat, aber viel schlimmer ist die Art und Weise, in der Richter Darrow sichergestellt hat, daß ihr die vollständige Wahrheit vorenthalten wurde, indem er Expertenaussagen abgeblockt und den Geschworenen verboten hat, die juristischen Argumente der Angeklagten zu hören. Es scheint, daß er die kriminellen Aktivitäten dieses Atomstaates unkritisch unterstützt. Wir freuen uns auf den Tag, an dem eine wahrhaft unabhängige Rechtsprechung ernsthaft die Implikationen internationalen humanitären Rechts in Betracht ziehen wird. Bis dahin geht die Kampagne weiter und. wir fühlen uns durch Susan und Martins Mut, Entschlossenheit und Menschlichkeit auf großartige Weise ermutigt."

Die Kampagne geht wahrhaft weiter. Nach der Ankündigung der Marine, daß die HMS Vengeance, das vierte nukleargerüstete Trident-U-Boot, den Betrieb aufgenommen hat, wurden 373 Protestierende - darunter 20 Geistliche - während der bisher größten Demonstration vor der schottischen Marinebasis Faslane verhaftet. Etwa 1000 Teilnehmer waren gekommen, um Nuklearwaffen für illegal nach dem Völkerrecht zu erklären, da sie nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheiden.

Quellen: Trident-Ploughshares E-Mail; Sojourners Mai/Juni 2001, Übers.:B.Büscher

Neue Bewegung in den USA

 

Jede Kirche eine Friedenskirche!

Von Rodger und Penny Cragun

Am Wochende des 27. und 28. April fand die erste Konferenz einer neuen Bewegung zur Organisierung der Antwort der Kirchen auf gesellschaftliche und globale Konflikte, "Jede Kirche eine Friedenskirche", im St. Scholastica-College (Duluth/Minnesota) statt. Es nahmen 120 Menschen teil, die 20 verschiedene Denominationen repräsentierten.

Innerhalb der römisch-katholischen Kirche existiert bereits eine starke Friedensbewegung, wie sich an den unzähligen Ordensbrüdern und -Schwestern sowie Laien zeigt, die sowohl im übertragenen als auch im buchstäblichen Sinne ihr Leben im Kampf gegen den militärischen Wahnsinn eingesetzt haben.

Die Begründer der Catholic Worker-Bewegung, Dorothy Day und Peter Maurin, meinten, die römisch-katholische Kirche solle eine Friedenskirche sein, und Dorothy hob mit ihrem Leben und ihrer Lehre den Punkt hervor, daß das Geld, das für Krieg und Militär ausgegeben wird, die Armen der Ressourcen beraubt, die sie zum Überleben brauchen. Doch hat die katholische Kirche nicht erklärt, daß sie sich in Übereinstimmung mit der gewaltlosen Lehre und dem Vorbild Jesu befindet, die eine Beteiligung an jeder Form von Gewalt verbieten. Hier stehen die Katholiken nicht allein da. Bei der großen Anzahl christlicher Kirchen in der Welt kann nur von wenigen gesagt werden, sie seien Friedens-kirchen.

John Stoner war einer der Hauptredner bei der Konferenz. Er ist Vorsitzender des "New Call to Peacemaking" (Neuer Aufruf zum Friedensengagement), einer Koalition der Men-noniten, Angehörigen der Church of the Brethren (Brüderkirche) und der Quäker. Stoner kam zu der Schlußfolgerung, es sei arrogant und eigenmächtig von diesen historischen Friedenskirchen zu glauben sie, und nur sie alleine, würden wahrhaft "Frieden fördern". Er erkannte, daß es tausende Christen in vielen anderen Kirchen gebe, die als "Friedenskirchen-Christen" beschrieben werden könnten. Diese müßten innerhalb ihrer Nicht-Friedenskirchen gestärkt werden, um diese Kirchen in Glaubensgemeinschaften zu verwandeln, die so wie Jesus leben und lehren.

Stoner glaubt, die Zeit für diese Verwandlung sei gekommen. Fast alle größeren Denominationen haben ihre Friedensorganisationen. So schwach sie auch werden können, sie existieren jedenfalls. Stoner meinte, die Revitalisierung der gewaltfreien Methoden Martin Luther Kings in Verbindung mit der Kommunikationskompetenz des lnternets könne Individuen und Gruppen zusammenbringen, um ihre Arbeit für den Frieden in großem Maße zu stärken. Er rief jeden von uns auf, sich beim Aufbau dieses globalen Netzwerks der kreativen Gewaltlosigkeit zu beteiligen.

Die zweite Hauptrednerin, Cindy Pile, war ein Beispiel für diese kreative Gewaltlosigkeit. Die langjährige Friedensaktivistin ist derzeitig Bildungsbeauftragte von "Nevada Desert Experience", einer Bewegung, die begann, als Menschen des Glaubens sich in der Wü-ste von Nevada versammelten, um gegen die nukleare Gewalt Zeugnis abzulegen. Sie besitzt auch einen Magister-Grad in Theologie. Ihre Anwesenheit war voller Energie und ihre Botschaft herausfordernd, als sie uns daran erinnerte, daß "das Geben, Empfangen und Schaffen von Frieden, die ausgestreckte Hand, das niedergelegte Schwert, die nichtexplodierte Bombe unwiderruflich mit den Gaben des Geistes verbunden sind."

Pile rief uns auf, solidarisch mit denen zu sein, die unterdrückt und verarmt sind: "Laßt uns sowohl für das Leiden als auch für die freudigen Triumphe in dieser Weit Zeugnis ablegen, indem wir an die Orte der Kreuzigung gehen, dort prophetisch und hoffnungsvoll beten und dann überzeugend handeln; als mobile Kirche, die dorthin reist, wo immer Jesus hingerichtet wird: Militärbasen, Forschungslaboratorien, die weiterhin immer schrecklichere Massenvernichtungswaffen entwickeln, Gefängniszellen, in denen immer noch elektrische Stühle benutzt werden, Obdachlosenunterkünfte, die gezwungen sind, jeden Abend Familien wegzuschicken, Häuser, in denen Frauen und Kinder mißbraucht werden."

Neben den Hauptreden gab es eine Anzahl von kleineren Arbeitsgruppen über die Antwort der Kirchen auf Atomwaffen und Krieg, den Umgang mit Konflikten innerhalb der Gemeinde, die Notwendigkeit, Kriegsdienstverweigerung in den Gemeinden zu predi-gen, Gerechtigkeit gegenüber der Erde und den Aufbau einer gewaltfreien Gemeinschaft.

Quelle: Loaves and Fishes, Duluth, MN, Juni 2001; Übers.: Bernd Büscher

 

Projekt in Sarajevo sucht Partnerschulen in Deutschland

So wie der mythische Vogel, der sich aus der Asche erhebt, stehen die Mitglieder von "Sarajevo Phoenix" nach den Zerstörungen des Kriegsjahre 1992 bis 1995 im früheren Jugoslawien auf. Die aus 17 Personen bestehende Stickerei-Kooperative besteht aus Kroatinnen, Musliminnen und Serbinnen, die versuchen, mit ihrer Hände Arbeit die Wunden zu heilen, die Verzweiflung, Bitterkeit und Verlust gebracht haben.

Die Gruppe, die ursprünglich nur aus Frauen bestand, wurde im Herbst 1997 gegründet; zu dem Zeitpunkt waren alle Mitglieder arbeitslos. Einige lebten von minimalen Renten. Doch hatte jede der Frauen von ihrer Mutter oder Großmutter das Sticken gelernt. Heute treffen sich 16 Frauen und ein Mann im Hause von Bela Sejdic, der Leiterin des Programmes, oder in ihren eigenen Häusern, um Altarbehänge, liturgische Stolen und Wandbehänge zu produzieren. Jede Person, die schneidet und ausmisst, Entwürfe anfertigt und stickt, repräsentiert die reiche Vielfalt Bosnien-Herzegowinas; jede glaubt an ein multi-ethnisches Bosnien.

Die Kooperative wurde mit Hilfe von "Hands Raised Together" (HART = die Hände gerneinsam erhoben) gegründet, einer in Washington D.C. beheimateten kirchlichen Hilfsorganisation. Obwohl die Ziele des Programmes Selbständigkeit für das Projekt vorgeben, wird die Arbeit von Sarajevo Phoenix zur Zeit noch von HART subventioniert.

Verschiedene Initiativen sollen helfen, die Kooperative unabhängiger zu machen.

Eine dieser Initiativen ist das von HaRT ins Leben gerufene Programm "Facce to Facce - Förderung der interkulturellen Erfahrung". Der Name ist ein Wortspiel mit dem englischen "Face" und dem bosnischen "Facce", was beides "Gesicht" bedeutet, Das Programm, das zwischen Jugendlichen in Bosnien und USA bereits läuft, soll jetzt auf europäische Länder ausgeweitet werden.

"Facce to Facce" wurzelt in der Überzeugung, daß junge Menschen, die in verschiede-nen Ländern unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen leben und deren Lebensstandard von Überfluß bis Armut reicht, viel voneinander lernen können. Die Zielgruppe sind Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren. Zwanzig Schülerinnen und Schüler aus einer Klasse in Deutschland sollen eine Partnerschaft mit 20 Mitgliedern der HaRT-Jugendgruppe, deren Mütter alle bei Sarajevo Phoenix arbeiten, eingehen. Das Programm soll für ein Schuljahr laufen; dann übernimmt eine neue Gruppe von Schülerinnen und Schülern. Jeder deutsche Jugendliche wird einen Partner aus der HaRT-Jugendgruppe bekommen. Diese beiden kommunizieren alle zwei Wochen per Brief, Fax oder E-Mail - wobei die bosnischen Jugendlichen selten Zugang zu Computern haben. Das durchschnittliche Jahreseinkommen einer bosnischen Familie liegt bei DM 4000,- bis DM 6000,-. Die Veranstalter vertrauen darauf, daß die vielen in diesem Programm zwischen den jungen Leuten ausgetauschten Erfahrungen und Geschichten sie ihr eigenes Leben schätzen lehren werden - dadurch, daß sie lernen, wie die anderen leben. Die zwischen diesen Jugendlichen geteilten Erfahrungen werden wahrhaftig eine "von Angesicht zu Angesicht"-Begegnung sein, die von keinem schulischen Lernen ersetzt werden kann.

Teil des Programms ist das Aufbringen von Finanzmitteln durch Verkauf von Weihnachtsartikeln der Stickereikooperative durch die deutsche Partnergruppe. Alle Gewinne sollen gleichmäßig aufgeteilt werden, so daß drei Gruppen davon profitieren: 1) Die Mütter von Sarajevo Phoenix, die einen Lohn für ihre Stickereiarbeit bekommen; 2) die bosnischen Jugendlichen und ihre Familien, deren Anteil zum Aufbau eines medizinischen Versorgungssystems genutzt wird; 3) die deutschen Jugendlichen, die ihren Anteil nach eigenem Wunsch nutzen können. (Bernd Büscher)

Kontakt und weitere Informationen für interessierte Lehrerinnen, Lehrer und Schulklassen HaRT, Gatcka 58, 71 ooo Sarajevo, Bosnien-Herzegowina, Tel./Fax 00387 71 234-136, E-Mail: hartbosn@bih.net.ba, Website www.hart-rukdizno.org.